Aktionsbericht aus Hameln und Grohnde 24.7.2021

Morgens halb zehn in Hameln. Lautsprecheranlage und Banner werden aufgebaut. Passanten fragen neugierig, was das wird. Eine Klimakundgebung für den Weiterbetrieb der Kernkraftwerke! Oh, aber ist das nicht gefährlich, was machen wir mit dem Müll? Wir haben die sichersten Kernkraftwerke der Welt, hätte eins in Fukushima gestanden, würden wir den Ort nicht kennen; andere Länder stellen den wenigen Atommüll sicher unter Tage oder verbrennen ihn in schnellen Brütern und gewinnen daraus noch mehr Strom. Oh gut, wann fangt ihr an? Manchmal geht es ganz schnell, Menschen ihre Vorbehalte zu nehmen.

Demonstration »Critical Climate Action« des Nuklearia e. V., Hameln – Paola Eckert-Palvarini von Mothers for Nuclear redet

Über fünzig Menschen sind insgesamt angereist, um die Demonstrationen der Kampagne Critical Climate Action an diesem Tag zu unterstützen. Die meisten sind schon nach Hameln gekommen, in Grohnde gab es weitere Teilnehmer. Zwanzig davon haben den weiten Weg aus Polen auf sich genommen. Ebenso haben einige Berliner, sowie Norddeutsche und Süddeutsche den Weg nicht gescheut.

10 Uhr morgens in Hameln. Das Glockenspiel am Hochzeitshaus spielt und die Figuren der Rattenfängersage erscheinen. Touristen zücken ihre Handys. Wer sind heute die politischen Rattenfänger? Den Deutschen wurde eine billige Energiewende versprochen. Doch sie wird immer teurer. Gleichzeitig sinken die CO2-Emissionen so langsam, dass jetzt schon absehbar ist, dass das Ziel nicht erreicht werden kann. Einige Klimaschützer schimpfen nun auf die Regierung – es würde geblockt, der Ausbau der Erneuerbaren Energie verhindert! Dabei ist das Gegenteil der Fall. Die Milliarden fließen ebenso wie der Beton für immer mehr Windkraftanlagen. Aber der Strombedarf steigt, auch dann, wenn der Wind nicht weht und es soll noch viel mehr elektrifiziert werden! Die versprochene Energiewende fährt gegen die Wand, wird Dietmar Detering aus New York später in seiner Rede sagen.

Ratuj Klimat! Wspieraj Atom! – Rettet das Klima! Unterstützt Kernkraft!

Kurz nach 10 Uhr in Hameln, die Kundgebung läuft. Anmelderin Britta Augustin erzählt vom ersten Besuch bei der Westverwandschaft, als Kind, kurz nach der Wende, der sie nach Hameln und ins Besucherzentrum des Kernkraftwerks Grohnde führte. Und so eine lebenslange Leidenschaft für Kernenergie begründete. Ein einzelner Gegner hat sich gegenüber der Kundgebung postiert, wagt ein einziges Mal einen kurzen Zwischenruf. Zwei Stunden lang werden sich hier zahlreiche Redner zu Wort melden, abwechselnd sprechen Männern und Frauen in Deutsch, Englisch und sogar Polnisch – für den Livestream nach Polen.

Dr. Anna Veronika Wendland lädt noch einmal die Hamelner ein, zuzuhören, zum Infostand zu kommen, sich zu informieren und fragt: „Was haben Sie heute schon fürs Klima getan?“ Sie selbst ist mit Bahn und Fahrrad zur Demo gekommen. Währenddessen bauen die Grünen nebenan ihren Wahlkampfstand auf. Perfekt! In ihrer Rede wird Anna Veronika darauf Bezug nehmen – sie war früher auch dabei, in der Anti-Atom-Bewegung. Bis der Klimawandel sie zum Umdenken zwang.

Adam Błażowski von Fota4Climate hält die erste Rede. Bei den Polen steigt die Zustimmung zur Kernkraft in der Bevölkerung. Bereits jetzt ist die absolute Mehrheit dafür. An den vorgesehenen Standorten der geplanten polnischen Kernkraftwerke ist die Zustimmung noch größer. Das einzige was die zukünftigen Kernkraftwerks-Anwohner ängstigt, ist die Aussicht, die Werke würden doch nicht gebaut! Man schätzt in Polen die Aussicht, aus der dreckigen Kohle heraus zu kommen und man weiß auch gut bezahlte Jobs zu schätzen.

Urszla Kuczynska von Fota4Climate redet über die Grünen hinter ihr am Wahlkampfstand

Urszula Kuczynska ist sauer und findet in ihrer Rede deutliche Worte zu den nebenan stehenden Grünen. Sie heizen mit dem Atomausstieg den Klimawandel weiter an! Wie können sie es wagen! Derweil schwärmen die Kundgebungsteilnehmer aus und sprechen mit Passanten, diskutieren am eigenen und dem Infostand der Grünen. Die neue 40seitige Broschüre der Nuklearia mit zwölf guten Argumenten für die Kernkraft findet ihre Abnehmer.

Der perfekte Mix: Drei Grüne und drei Nuklearia-Mitglieder

Ein linker polnischer Journalist besucht ebenfalls den Stand der Grünen und stellt kritische Fragen zur deutschen Energiewende. Erst wollen die Grünen gar nichts sagen. Einer jedoch tut es anonym dann doch. Bis zum Wahlkampfende sei das Thema Kernenergie fest geschlossen. Es bereite ihnen jetzt schon Kopfschmerzen. Andererseits sehen sie auch kein Ende der “Brückenlösung” Gaskraftwerke, halten dennoch am Ziel 100% Erneuerbaren Energien fest.

Dr. Markus Vester antwortet in seiner Rede auf den Vorschlag eines Twitter-Users, Nuklearia-Mitglieder nach Tschernobyl auszusiedeln. Er entwirft ein Leben dort in der herrlichen Natur, mit der “Marie Curie University of New Pripyat” als bester mathematisch-naturwissenschaftlich-technischer Universität der Welt und einer florierenden Nuklearindustrie, die nicht nur ihren eigenen Müll recycelt, sondern auch den aus anderen Ländern und dabei noch Strom, Medizinprodukte und Know-How exportiert.

Die Zeit bis zum Kundgebungsende um 12 Uhr vergeht wie im Flug. Paola Eckert-Palvarini, gebürtige Italienerin wundert sich über die Deutschen. Auch sie sei bequem geworden, hat es gern warm und kuschelig im Winter, ist nicht gewohnt, zu hungern und zu frieren. Warum dann aber die sichere Energieversorgung abschalten, die es dafür braucht? Und dann versteht sie nicht, warum ausgerechnet die Deutschen, die ALLES recyceln, es beim Atommüll nicht den Russen nachmachen. Die seit einiger Zeit damit angefangen haben, ihn zu recyceln.

14 Uhr Bahnhof Emmerthal, die Sonne brennt. Die polnischen Umweltschützer – viele von ihnen sind zu Hause als Baumbeschützer bekannt – umarmen eine uralte Esche, die sich wahrscheinlich noch an Napoleon erinnert.

Demonstration in Emmerthal, eine durch das Kernkraftwerk aufgeblühte Ortschaft

Der Demonstrationszug setzt sich in Bewegung. Die Emmerthaler schauen nur. Sie leben gut mit dem Kernkraftwerk, ihre Gemeinde profitiert von den Steuern. Es geht raus aus dem Ort ins Grüne. Schön ist es hier, doch die Aufregung steigt, denn die riesigen Kühltürme sind nun in Sicht.

14.30 Uhr, der Kundgebungsplatz auf einem Parkplatz des Kernkraftwerks ist erreicht. Wir sind ganz nah dran! Das Rauschen der Kühltürme ist zu hören, das Reaktorgebäude schaut sehr hoch aus. Die Kundgebungsteiler erklären sich gegenseitig, was die Komponenten für eine Funktion haben.

Der Garten des Besucherzentrums ist offen und zeigt eine riesige Turbine aus dem Werk. Einige neue Gesichter sind zu sehen. Ein Baby und ein Kleinkind werden für Fotos vor das Containment gehalten, in dem sich der Kernreaktor befindet. Die Polen staunen. Es ist so friedlich, so ruhig, so sauber. Es ist zu spüren, wie umweltverträglich diese Art der massenhaften Stromerzeugung ist. Wie so ein sanfter Riese. Und oben dran ist sogar noch eine Wolkenmaschine. Sie ist natürlich in Betrieb, sie fährt Volllast, Wind ist schon seit Wochen flau.

Adam Błażowski von Fota4Climate über die Klimainfrastruktur, für deren Erhalt die polnische Umweltorganisation kämpft: Stadt-Bäume und Kernkraftwerke

15 Uhr, noch einmal eine Kundgebung, es wird noch emotionaler. Adam Błażowski dankt den Kernkraftwerkern als Klimahelden, wünscht sich, alle von ihnen mögen diese Nachricht erhalten. Dass Bäume in Polen aus der Stadtlandschaft verschwinden und Atomkraftwerke aus der Landschaft Deutschlands verschwinden, so Błażowski, habe einen gemeinsamen Nenner. „Die Menschheit hat die Unfähigkeit, Risiken zu kalkulieren und damit umzugehen. Die Leute befürchten, dass ein Baum umkippen und ein Auto oder jemanden beschädigen könnte, der die Straße entlang geht. Deshalb haben sie den Baum gefällt. Weil sie ein kleines, sehr geringes Risiko fürchten. Sie können nicht einschätzen, dass sie sich damit einem viel größeren Risiko aussetzen. Zu Klimawandel, hohen Temperaturen, Dürre“, sagt Błażowski. „Das gilt auch für Atomkraftwerke. Die Menschen haben Angst vor etwas, das äußerst unwahrscheinlich und überhaupt kein Risiko ist, das sie beunruhigen sollte. Und damit setzen sie sich mehr Kohlendioxid-Emissionen aus, einem höheren Verbrauch von klimaschädlichem Erdgas, unseren Kindern, unserer Zukunft. Die beiden sind verwandt und deshalb sind wir hier.”

Dr. Anna Veronika Wendland berichtet aus dem Inneren des Werkes, wo sie dieser Tage als Technikhistorikerin forscht.

Rainer Reelfs weist außerdem darauf hin, dass das Kraftwerk Grohnde Weltrekordhalter ist. Es verfügt über einen 1430-MW-Bruttoreaktor, der in Bezug auf die jährliche Stromproduktion wiederholt der effizienteste der Welt war. Darüber hinaus hat die Gesamtproduktionsmenge im Februar diesen Jahres 400 TWh überschritten, womit KKW Grohnde als erstes Kernkraftwerk der Welt diese Erzeugungsstufe erreicht. Es hat die Emission von 400 Millionen Tonnen CO2 in die Atmosphäre verhindert!

Demonstration »Critical Climate Action« des Nuklearia e. V., Kernkraftwerk Grohnde, 2021-07-24

Dr. Björn Peters ist als Überraschungsgast erschienen. Er spricht von Insiderinformationen aus dem politischen Berlin und macht klar: Es gibt Hoffnung auf einen Politikwechsel im September. Die Kernkraftwerke sind noch zu retten! Im Wahlkampf werde es zwar keine Überraschungen diesbezüglich mehr geben, aber der Boden muss weiter bereitet werden, für die Zeit, wenn die eingefleischte Anti-Atom-Generation endlich das politische Handtuch wirft. Klare Empfehlung: Kommt im August und September zu den drei Events vor den süddeutschen Kernkraftwerken!

15.30 Uhr Atomyoga – die müden Glieder werden aktiviert. Auf einer Wiese mit Blick auf das gesamte Kernkraftwerk werden funktionelle Gegenbewegungen zu Alltagshaltungen ausgeführt. Anschließend performen die Yogis die perfekte Energiewende.

Viele haben lange auf der Fahrt hierher gesessen, dagegen wird jetzt die Hüfte bewegt

Erst wird ein Stromnetz aufgebaut, mit Strommasten aus Kopfständen. Leider kommen einige Stromtrassen nicht zustande, weil nicht jeder einen Kopfstand kann bzw. nicht jeder eine Stromtrasse im Garten haben will. Leider stellt sich auch heraus, dass das Netz nicht so smart ist, wie gedacht: Es fehlt ja der Strom darin. Es wird Zeit, dass die Sonne aufgeht. Eine wunderbare Übung für Schultern, Hüften und Rücken: Der Tisch oder die Brücke wird ausgeführt. Ah! Solarenergie, leider nicht so effizient einsammelbar.

Die aufgehende Sonne verspricht Solarenergie

Das Tagwerk beginnt, wir brauchen mehr Strom: Räder werden geschlagen. Vier von 50 Teilnehmern gelingt dies. Symbolbild für die Produktion der Windräder der letzten Wochen… Grundlast muss her. Dafür muss ein bisschen Vorarbeit geleistet werden: Mit Bizeps Curls werden die Brennstäbe geladen. Jetzt eine Runde Bizeps geflext vor dem Containment! Na bitte, so gelingt’s!

Die Kundgebung ist zu Ende und die Teilnehmer schwatzen, planen weitere Aktionen, spazieren, schauen und staunen immer noch und die polnischen Umweltschützer machen den Eindruck, gar nicht wieder weg zu wollen.

Fota4Climate hat übrigens noch für eine Riesensensation gesorgt. Sie berichteten, dass parallel zu den Demos in Hameln und Grohnde auch Proteste gegen den deutschen Atomausstieg in Polen stattfanden. Vor den deutschen Botschaften in Warschau, Wrocław und Opole demonstrierten nicht nur Fota4Climate, auch Mitglieder der polnischen Ableger von Fridays for Future und Extinction Rebellion! Die Diskussion geht weiter: Alle zusammen fürs Klima und auch wirklich alle Mittel fürs Klima!

Vor der deutschen Botschaft in Wrocław: Extinction Rebellion Polen platziert ihr Transparent, mit welchem sie sonst Klimawandelleugner in der Regierung angreifen: “Mówcie prawdę – Sagt die Wahrheit!” Dieser starke Spruch geht diesmal an die deutsche Regierung!
Protest gegen den deutschen Atomausstieg in Wrocław
Vor der deutschen Botschaft in Warschau
Professor Wiktor Kotowski beim Protest gegen den deutschen Atomausstieg in Warschau

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